Stu­die zum Miss­brauch Min­der­j?h­ri­ger im Erz­bis­tum Pa­der­born: Er­geb­nis­se le­gen Ver­tu­schungs­spi­ra­len of­fen

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Personenbezogene Akten von beschuldigten Priestern, das Erzbisch?fliche Geheimarchiv, private Nachl?sse, Gerichts- und Strafakten, Protokolle, Briefwechsel: Für ihre auf fünf Jahre angelegte Studie zum Missbrauch Minderj?hriger im Erzbistum Paderborn haben Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. des. Christine Hartig umfangreiches Material gesichtet und Interviews mit Zeitzeug*innen und Betroffenen geführt. Ziel ihrer historischen Untersuchung war es, die Bedingungen zu rekonstruieren, unter denen Priester sexuelle Gewalt gegen Minderj?hrige ausüben konnten, und herauszufinden, welche Handlungspr?missen für das Paderborner Leitungspersonal ma?gebend waren. Die Studie behandelt die Amtszeiten der Kardin?le Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt. Am heutigen Donnerstag, 12. M?rz, wurden die Ergebnisse der ?ffentlichkeit pr?sentiert.

Für den Untersuchungszeitraum von 1941 bis 2002 haben die beiden Wissenschaftlerinnen Handlungspraktiken, -m?glichkeiten und -grenzen im Zusammenhang mit Beschuldigungen sexueller Gewalt in ihren kirchenhistorischen Kontext eingeordnet und zahlreiche Missbrauchsf?lle anhand der jeweiligen Aktenlage aufgearbeitet. ?Den Wissenschaftlerinnen ist es gelungen, trotz der geschilderten Taten eine kirchenhistorische Arbeit unter Einhaltung h?chster wissenschaftlicher Standards zu verfassen, die immer auf der sachlichen Ebene bleibt und dabei doch mit Klarheit ausspricht, was gesagt werden kann“, hebt Universit?tspr?sident Prof. Dr. Matthias Bauer hervor. Schon die Zwischenbilanz der unabh?ngigen und durch das Erzbistum Paderborn gef?rderten Studie hatte gezeigt: Kirche und Gesellschaft haben bei Missbrauch systematisch weggesehen und Straftaten in mehreren F?llen billigend in Kauf genommen. Beschuldigte Kleriker wurden nur selten sanktioniert. Vielmehr bestimmten die soziale Position des T?ters und die der Betroffenen sowie die lokalen Verh?ltnisse vor Ort die Bewertung von sexueller Gewalt. 

?Sogenannte ?Bystander‘ und ?W?chter‘ hatten h?ufig konkretes Wissen über Missbrauchstaten in ihrem Umfeld. Dazu geh?rten auch die unmittelbar vorgesetzten Priester und Dechanten der Beschuldigten. Aber: Erwachsene in Aufsichts- und Leitungsfunktionen, sowohl vonseiten der Kirche als auch vonseiten der Gesellschaft, haben F?lle sexueller Gewalt in der Regel ignoriert“, erkl?rt Prof. Priesching. Die erzbisch?fliche Beh?rde wurde selten über Beschuldigungen informiert. ?Gründe dafür waren die Sorge, einen Unschuldigen zu verd?chtigen und Konflikte in der Gemeinde heraufzubeschw?ren“, so die Wissenschaftlerin weiter. Gerüchte erzwangen das Einschreiten der erzbisch?flichen Beh?rde eher insofern, als es galt, ein ??rgernis“ zu beseitigen und einen ?ffentlichen Skandal zu vermeiden. ?In vielen F?llen wurden Vorwürfe totgeschwiegen. Wurde der Priester versetzt, gab man sich zufrieden.“

210 Beschuldigte und 489 Betroffene: Zahlen als Momentaufnahmen

Für den Zeitraum 1941 bis 2002 liegen nach Studienabschluss Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene vor. Aus der Amtszeit Jaegers sind Namen von 144 Beschuldigten und 316 Betroffenen bekannt. In die Amtszeit Degenhardts fallen 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. Prof. Priesching: ?Die Zahlen sind als Momentaufnahmen zu werten, die Aussagen über das ?Hellfeld‘ sexueller Gewalt im Erzbistum Paderborn zulassen. Zus?tzlich ist von einem ?Dunkelfeld‘ auszugehen, über dessen Ausma? nur spekuliert werden kann.“

Vertuschungsspirale

Beschuldigte Kleriker, Bistumsmitglieder, die mit den F?llen betraut waren, und sogar die Erzbisch?fe selbst nahmen bisweilen Einfluss auf Betroffene und ihre Angeh?rigen, auf Anzeigen zu verzichten. ?Deshalb gingen viele Dechanten und Pfarrer davon aus, dass stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben. Die Erwartungshaltung deckte sich h?ufig mit dem sozialen Umfeld in der Gemeinde. Diese Vertuschungsspirale sorgte wiederum dafür, dass Betroffene den beschuldigten Priestern weiterhin ausgeliefert blieben“, so Prof. Priesching. Ausschlaggebend für den Umgang mit Beschuldigten war beispielsweise, ob sie Reue zeigten. ?Das lie? aus Sicht der Erzbisch?fe auf künftigen Gehorsam schlie?en. Zeigte der Priester Reue, wurde er auch trotz weltlicher Verurteilung nach einer gewissen Zeit wieder in der Gemeindeseelsorge, in Krankenh?usern oder Altenheimen eingesetzt. Zudem war eine Versetzung in ein anderes Bistum m?glich“, sagt die Kirchenhistorikerin. 

W?hrend seiner gesamten Amtszeit ergriff Jaeger nur in Einzelf?llen Schutzma?nahmen für m?gliche weitere Opfer. Diese beschr?nkten sich auf das Verbot von Einzelkontakten. Wenn Jaeger bei Vorwürfen sexueller Gewalt gegenüber Minderj?hrigen Ma?nahmen gegen beschuldigte Kleriker ergriff, unterschieden sich diese kaum von Sanktionen, die auf ein einvernehmliches Verh?ltnis eines Priesters mit einer erwachsenen Frau folgten. Vorwürfe sexueller Gewalt wurden von Degenhardt, wie schon vorher bei Jaeger, als ?Beschwerden“ über Priester behandelt. 

Aufarbeitung steht erst am Anfang

Bis 2001 existierten laut Prof. Priesching keine formellen Strukturen zur Meldung von Beschuldigungen. Priester, die davon Kenntnis bekamen, orientierten sich an informellen Wissensbest?nden oder am eigenen Interesse. Insgesamt l?sst sich festhalten: Beide Erzbisch?fe, Jaeger und Degenhardt, zeigten Milde gegenüber beschuldigten Priestern – selbst dann, wenn sie von ihrer Schuld überzeugt waren. Gegenüber den Betroffenen zeigten sie kein Verst?ndnis. Prof. Priesching erl?utert: ?Therapeutische Hilfsangebote existierten, wenn überhaupt, für die beschuldigten Kleriker mit dem Ziel, deren priesterlichen Charakter zu festigen und sie so bald wie m?glich wieder einzusetzen.“

?Die kirchliche Aufarbeitung von Missbrauchstaten ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Diese Studie leistet dazu allerdings einen gro?en Beitrag und vermag vielen Personen eine Stimme zu geben, die für die ?ffentlichkeit lange nicht wahrnehmbar gewesen ist“, sagt Reinhold Harnisch, Vorstand und Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn. Die Studie wurde der Betroffenenvertretung und dem Erzbistum am Vormittag in einem nicht-?ffentlichen Rahmen übergeben. 

Weitere Informationen zur Studie ?Sexuelle Gewalt an Minderj?hrigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)“ und die Studie selbst gibt es hier

Foto (Universit?t Paderborn, Besim Mazhiqi): (v.l.) Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, Prof. Dr. Nicole Priesching, Reinhold Harnisch, Prof. Dr. Matthias Bauer und Dr. des. Christine Hartig.
Foto (Universit?t Paderborn, Besim Mazhiqi): Prof. Dr. Nicole Priesching.
Foto (Universit?t Paderborn, Besim Mazhiqi): Prof. Dr. Nicole Priesching.